Lehn Dich zurück und genieße die Fahrt - oder: Warum Du Unsicherheit zu Deiner Sicherheit werden lassen darfst

Alles kontrollieren wollen. Sich mehrfach absichern. Egal in welcher Hinsicht. Hauptsache, man ist immer „Herr der Lage“. Oh ich kenne dieses Bedürfnis nur zu gut. Ja ich gebe es zu: ich bin ein Kontrollfreak. 

Ich merke aber auch, wie wenig mir diese Haltung oft nützt. Denn alles in unserem Leben zu kontrollieren und zu steuern, ist ohnehin nicht möglich. Es aber dennoch ständig zu versuchen, ist vor allem eins: anstrengend. Und es ist noch dazu überaus einschränkend. Ja, es kann zu einem Gefängnis werden. Denn die Ursache und zugleich das Resultat des Kontrollzwangs ist Angst, und Angst lähmt uns nicht nur, sondern verhindert auch, dass wir uns erlauben, neue Wege zuzulassen und Chancen zu ergreifen.

Es ist kein Wunder, dass wir oft in diese Mentalität verfallen. In unserer Gesellschaft wird sie uns an allen Ecken und Enden vorgelebt. Angst und Kontrollzwang scheinen, gerade hier in Deutschland, oftmals der vorrangige Antrieb von Politik und Wirtschaft zu sein.

Aber wie gesagt: wir können noch soviel absichern und kontrollieren wollen, irgendetwas wird immer durch unser Netz schlüpfen. Geraten wir dann in eine Situation, in der wir ratlos, unsicher oder verängstigt (oder alles zusammen) sind, haben wir die Möglichkeit, entweder mit noch mehr hektischem Kontrollzwang darauf zu reagieren, oder uns einmal ruhig hinzusetzen und uns zu fragen: könnte diese Unsicherheit und Ungewissheit nicht vielleicht zu meiner größten Stärke, meiner größten Sicherheit werden?


Pendels großes Abenteuer

Hierzu ein kleiner Ausflug in die Welt der Physik: Stell Dir ein frei schwingendes Pendel vor, das an einer Stange an einem Punkt aufgehängt ist. Das Pendel schwingt, wenn wir es einmal angestoßen haben, mit ziemlicher Zuverlässigkeit immer hin und her, bis es irgendwann aufhört zu schwingen und wieder stillsteht. Soweit so langweilig (zumindest für mich als Nicht-Physiker…). Es gibt aber einen Punkt, an dem sich das Pendel plötzlich einer nie dagewesenen Herausforderung gegenüber sieht, nämlich einer gewissen Wahlfreiheit: stellt man es nämlich auf den Kopf und tariert es genau so aus, dass es exakt über seinem Aufhängepunkt steht, hat es theoretisch die „freie Wahl“, ob es, wenn wir es loslassen, nun nach rechts oder nach links kippen und seine Schwingung beginnen möchte. Für das Pendel ist diese „Freiheit“ die größtmögliche Instabilität, denn normalerweise schwingt es wie gesagt einfach und sehr sicher hin und her, für jeden Achtklässler leicht vorauszuberechnen und mit immer gleichem Ablauf. In dieser ungewöhnlichen Position oberhalb des Aufhängepunkts ist nun das, was als nächstes geschieht, aber plötzlich unsicher und nicht mehr berechenbar - und es gibt plötzlich mehrere Möglichkeiten für die zukünftige Aktivität des Pendels (na gut ok… es sind „nur“ zwei,  aber das sind immerhin in diesem Fall doppelt soviele wie sonst…). Der Zustand der größten denkbaren Unsicherheit ist für das Pendel also zugleich der Moment seiner größten Potenzialität, seiner größten Offenheit für Möglichkeiten. 

Auch die natürliche Art, uns fortzubewegen, das Gehen, ist übrigens ein schönes Bild in diesem Zusammenhang: denn der stabilste und sicherste Zustand für unseren Bewegungsapparat ist es doch eigentlich, mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu stehen. Das blöde ist bloß: so kommen wir nicht vom Fleck. Dafür müssen wir erst einen Fuß vom Boden heben und wenn wir das tun, ist für die kurze Zeitspanne, bis der Fuß wieder auf dem Boden aufkommt, die Stabilität des Gesamtsystems erstmal nicht mehr vollständig gewährleistet. Das ganze Körpergewicht ruht auf dem anderen Fuß während der erste frei in der Luft herumschwebt. Aber was passiert in der Folge? Wir fallen nicht etwa um, sondern haben, wenn wir dasselbe noch einmal mit dem zweiten Fuß tun, einen Schritt gemacht und sind vorangekommen!


Reaktiv oder kreativ?

Wie können wir diese Metaphern nun auf unser alltägliches Erleben übertragen? Meistens funktionieren wir, was unser Denken und Handeln angeht, doch so, dass wir im Grunde nur reproduzieren, was wir schon wissen und noch einmal erleben, was wir schon erlebt haben. Das kann bis in die ganz alltäglichen Handlungen hineingehen (wir stehen zur gleichen Zeit auf wie immer, putzen unsere Zähne wie immer, essen das gleiche Frühstück wie immer, fahren denselben Weg zur Arbeit wie immer etc…), aber es fängt viel tiefer in uns an, bei unseren Gedanken und Emotionen. 

Wir erschaffen unsere Gedankenwelt zum größten Teil aus immer demselben Material. Diese Gedanken erzeugen in der Folge auch immer dieselben Emotionen in uns und diese Emotionen lassen uns wiederum immer gleich oder ähnlich handeln. Was wir damit letztendlich erschaffen, ist natürlich auch immer die gleiche Welt. Es ist eine verhältnismässig sichere Welt, erschaffen aus dem bereits Bekannten. Was aber ist das Bekannte? Unsere Vergangenheit! Das, was wir bereits erlebt haben! Wir projizieren unsere Vergangenheit also ständig in die Gegenwart und erschaffen so die immergleiche Zukunft. Wir re-agieren anstatt wirklich zu agieren und dadurch verhindern wir echte Kreativität. Wir sind reaktiv statt kreativ. Die Position eines kleinen Buchstaben hat hier eine große Wirkung…

Sehen wir einen Zustand der Unsicherheit also in erster Linie als Gefahr, die es möglichst zu vermeiden gilt, so bringen wir uns immer wieder um die vielen Möglichkeiten, die mit dieser Unsicherheit zugleich verbunden sind (siehe Pendel). Wir setzen uns Scheuklappen auf, indem wir versuchen durch starke willentliche Fokussierung auf das scheinbar jetzt für uns genau richtige, eine bestimmte Wirklichkeit zu erzeugen - ohne wirklich wissen zu können, was das jetzt gerade richtige überhaupt ist. 


Verliert jemand beispielsweise seinen Job, so kann er mittels Projektion vergangener Gedankenmuster in die Gegenwart dies nun für ein großes Unglück halten, sich auf der Stelle Sorgen um sein finanzielles Auskommen machen (obwohl er vielleicht erst einmal Anspruch auf Arbeitslosengeld hätte und durchaus einige Zeit über die Runden käme) und nun hektisch daran gehen, möglichst schnell irgendeinen neuen Job zu finden. Oder aber er kann in dieser nun zwar unsicheren aber auch potenziell wunderbar offenen Lebenssituation einen Augenblick lang ganz ruhig verweilen und sich fragen „wie kann ich diese Unsicherheit zu meiner größten Sicherheit machen?“. Mit Flexibilität, Vertrauen und Hingabe kann unser Unsicherheits-Pionier so zu Ergebnissen gelangen, zu denen er verstandes- und willensmäßig niemals gekommen wäre, weil er sie gar nicht in Betracht gezogen hätte. In diesem Fall findet er vielleicht unerwartet einen ganz neuen Job, der um einiges besser zu ihm passt, besser bezahlt ist und ihm mehr Spaß macht, als der alte.


Die inneren Kontrollnetze abbauen, sich dem Fluss anvertrauen

Indem wir also lernen, Situationen ein wenig unvoreingenommener zu begegnen, uns nicht mit Erwartungen und Gedanken, die nur auf der Vergangenheit basieren, von vornherein einzuschränken, sondern offen zu sein für das Unbekannte, erleben wir erst wirklich das Wunder des Lebens und wahre Kreation wird möglich. Ein Weg dorthin führt - wieder einmal - zunächst über die Präsenz:


1. Setze Dich in Ruhe hin, spüre die Unterlage, die Dich trägt, und werde Dir Deines Atems gewahr.

2. Führe Dir die gegenwärtige Situation, ihre Unsicherheit und Offenheit und all Deine damit verbundenen Gefühle (auch die negativen) vor Augen und nimm alles so an, wie es gerade ist. Entspanne Dich innerlich wie äußerlich und gib den Kampf gegen das, was ist, auf. Atme einfach und nimm vor allem auch Dich selbst liebevoll an, so wie Du im gegenwärtigen Augenblick bist. Du kannst, wenn Du möchtest dazu auch die Herzmeditation aus meinem ersten Blogartikel verwenden.

3. Mach dir bewusst, dass durch die Potentialität der Situation viel neues und wunderbares entstehen wird. Stell Dir bildlich vor, wie Du Dich in ein Boot setzt und Dich sanft und ohne Anstrengung darin einen Fluss entlang tragen lässt - den Fluss Deines Lebens. Entspanne Dich in Deinem Boot und schau, wohin es Dich trägt. Wenn während der Fahrt Zweifel in Dir aufkommen, kannst Du (auch im Alltag immer wieder mal) die Affirmation wiederholen „Perfekt entfaltet sich alles!“. Genieße die Fahrt solange Du willst. Komm dann in Deinem eigenen Tempo wieder zurück in den gegenwärtigen Augenblick, ins Hier und Jetzt.

4. Im Alltag lohnt es sich auch, immer wieder aufmerksam darauf zu achten, ob Du gerade wieder zwanghaft versuchst, die Kontrolle zu übernehmen, oder ob Du Dich im Boot zurückgelehnt dem Fluss hingeben kannst. Ich selbst habe beispielsweise auf meinem Schreibtisch den links abgebildeten Zettel als kleine Gedächtnisstütze kleben...

 

Du darfst Dich im Alltag also immer wieder mal fragen: „Wer sitzt hier gerade am Steuer? Mein Verstandes-Ich, oder die höhere Intelligenz meines Lebens, der ich vertrauen kann und von der ich mich führen lassen darf?" 


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Kommentare: 2
  • #1

    Abigale (Montag, 21 Januar 2019 14:01)

    Lieber Chris,
    vielen Dank für diesen Blogartikel! Denn auch ich kenne diese Situation nur zu gut! Denke, da sind wir nicht die einzigen! Besonders gefällt mir die Übung am Ende des Artikels mit Hilfe derer man sich diesem Thema nähern kann! Deine Texte sind klar und leicht verständlich durch anschauliche Beispiele verdeutlicht. Mir gefallen auch die Bilder mit den Headlines/Zitaten wirklich gut! Ich finde dieser Artikel ist der beste bis jetzt gerade weil er sehr persönlich ist! Ich freue mich schon, wenn es weiter geht! :-)

  • #2

    Christoph (Montag, 21 Januar 2019 14:12)

    Danke Dir, liebe Abby! Freut mich sehr, wenn Dir der Blog gefällt. Ende der Woche gehts weiter. :)